Das Raunen der Wähler: Wahlkampfanalyse im Social Web

Kurz vor der Bundestagswahl im September wünschen sich die Politiker wohl nichts sehnlicher, als Themen selbst setzen und Stimmungen beeinflussen zu können. In den klassischen Medien gelingt das leidlich – aber wie erfolgreich sind sie in den sozialen Netzwerken?

Welche Polit-Themen im Social Web tatsächlich interessieren, wie sich Sympathien verteilen und welche Online-Strategien der Parteien funktionieren, möchte das Projekt Wahlkampfanalyse.de erforschen. Die Initiatoren versuchen herauszufinden, wie Parteien, Journalisten, Blogger und Wähler miteinander agieren und welche Unterschiede es im Umgang mit der digitalen Kommunikation gibt. Eine Software durchkämmt dazu die sozialen Netzwerke und ermittelt, wie Trends aufkommen und wieder verschwinden. Standen für einen längeren Zeitraum die Bespitzelungspraktiken diverser Geheimdienste hoch im Kurs, so rutschte drei Tage lang Peer Steinbrücks Sammelleidenschaft für die von seinem Parteifreund Gabriel verdammten Glühbirnen ins Zentrum. Um solche Verschiebungen zu analysieren, sucht die Software nach semantischen und inhaltlichen Gemeinsamkeiten von im Internet kursierenden Begriffen. Treten Übereinstimmungen und Verbindungen gehäuft auf, werden die Begriffe zu Clustern verwoben, die dann den gesamten Themenkomplex abbilden.

Trends und Themen in Social Media. Foto: Screenshot Wahlkampfanalyse.de

Trends und Themen in Social Media. Foto: Screenshot Wahlkampfanalyse.de

Der Clou dabei: Der Besucher der Projekt-Webseite kann nahezu in Echtzeit sehen, wie die Internetnutzer auf Nachrichten reagieren. In einem Themennetz lässt sich ablesen, welche Begriffe miteinander verbunden sind und welche Schlagworte dabei im Zentrum stehen. Auch zu den Parteien und Kanzlerkandidaten hält das Projekt einige Facebook- und Twitter-Daten bereit: Wie viele Fans und Follower hat die Alternative für Deutschland? Wie viele User sprechen über Angela Merkel? Doch die Spielerei mit den Daten und Themennetzen ist der vergleichsweise fade Teil des Angebots. Die Macher der Seite sind Social-Media-Strategen und möchten dem Namen des Projekts gerecht werden. Entsprechend analysieren sie das Online-Geschehen bis zur Wahl aus kommunikationsstrategischer Sicht. „Anders als beispielsweise in den USA nutzt ein Großteil der deutschen Politiker die Chancen zum Agenda-Setting im Internet nicht ansatzweise aus“, sagt Klaus Eck, einer der Initiatoren des Projekts. Den ansonsten hochprofessionellen Wahlkampfteams „fehlen oft sowohl Konzept als auch Befähigung zu einer sinnvollen Onlinekommunikation. Politiker sind es gewohnt, mit den Wählern in der Fußgängerzone von Angesicht zu Angesicht zu sprechen und sie haben es bislang nicht verstanden, diese Dialogbereitschaft ins Internet zu übertragen“. So wird der Online-Wahlkampf in diesem Jahr vermutlich weiterhin von Inhalten dominiert, die sich zur Polemik eignen oder einen gewissen Boulevardcharakter mitbringen. „Geschichten wie Steinbrücks Glühbirnen-Sammlung entfalten im Netz eine viel größere virale Energie als trockene Sachthemen. Wahrscheinlich werden die Politiker erst zur Bundestagswahl 2017 den Dialog über das Internet verinnerlicht haben“, vermutet Klaus Eck. Bis dahin bleibt den Wahlkämpfern ja noch Zeit, sich die Ergebnisse von Wahlkampfanalyse.de genauer anzuschauen.

Andere Quellen – andere Erkenntnisse

Als Ergänzung zu Wahlkampfanalyse.de bietet sich die Seite Twitterbarometer.de an. Die eigentliche Analyse muss der Besucher dort schon selbst vornehmen, aber das Projekt von Sascha Lobo und BuzzRank bietet eine nette Übersicht zur politischen Stimmungslage im Twitternetz. Das Ganze funktioniert allein dadurch, dass Twitterer aufgerufen sind, ihre politische Meinung mit einem positiven oder negativen Hashtag (wie #SPD– oder #SPD+) zu kombinieren. Die Wertungen mit + und – werden erfasst und in ein Live- und ein Trendbarometer eingespeist. Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich, dass ein Großteil aller Meinungsäußerungen bei Twitter unberücksichtigt bleiben, da sie nicht mit entsprechenden Hashtags versehen werden.

Das Twitterbarometer im Live-Modus. Foto: Screenshot

Das Twitterbarometer im Live-Modus. Foto: Screenshot Twitterbarometer.de

Ein repräsentativeres Stimmungsbild vermittelt da die Wirtschaftswoche mit SO WÄHLT DAS NETZ. Hier wird eine interpretierende Sprachanalysesoftware verwendet, die bei Facebook und Twitter mitliest und sowohl Kernaussagen als auch die Tonalität der Beiträge identifizieren soll. Als Ergebnis präsentiert die Seite Infografiken zur Wählermeinung über Spitzenkandidaten, Parteien und wahlrelevante Themen. Dabei fällt auf, dass in den Netzwerken mit Lob gespart wird: Eine erschlagende Mehrzahl der Äußerungen über Parteien ist negativer Natur und so hält die Piratenpartei mit mageren 52 Prozent positiven Erwähnungen tatsächlich die Topplatzierung in der Beliebtheitsskala. Besonders die etablierten Parteien – wohl auch wegen der weniger netzaffinen Anhänger – müssen hier mit 60 Prozent Ablehnung und schlimmerem leben.

 

Zustimmung und Ablehnung in Sozialen Netzwerken. Foto: Screenshot

Zustimmung und Ablehnung in Sozialen Netzwerken. Foto: Screenshot WiWo.de