Industrie 4.0: Erst das Wort, dann die Wirklichkeit

Industrie 4.0 hat Hochkonjunktur – wie die Hannover Messe gerade wieder deutlich macht. Aber was steckt wirklich hinter dem Thema? Eine kurze Einordnung!

Bild: Oliver Sved – Fotolia

Wer sich die Berichterstattung zur seit Montag laufenden Hannover Messe anschaut, landet unweigerlich und auf kürzestem Weg bei der vierten industriellen Revolution. Die Vernetzung in den Fabriken ist das alles dominierende Thema – auf der Messe selbst und eben auch in den Medien. Natürlich geht es dabei um Roboter, Drohnen und andere Technologien. Eigentlich geht es aber um mehr: Denn mit Industrie 4.0 verbinden sich viele Hoffnungen mit. Reinhold Festge, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), geht beispielsweise davon aus, dass der Wandel in den Fabriken bis 2018 in Deutschland zu 10.000 neuen Arbeitsplätzen führt. Gleichzeitig schwingt in zahlreichen Artikeln die Sorge mit, Mitbewerber aus anderen Ländern – vor allem aus den USA und China – könnten die Unternehmen hierzulande abhängen. Fest steht in jedem Fall: Industrie 4.0 wird weiter ein Thema bleiben, ein genauer Blick lohnt sich also.

Was ist Industrie 4.0?

Tatsächlich ist nicht eindeutig zu beantworten, was unter Industrie 4.0 genau zu verstehen ist, was dazugehört und was nicht. Als der Digitalverband BITKOM Anfang 2014 versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen, zählte er über 130 mehr oder weniger ähnliche Definitionen. Wesentlich für die vierte industrielle Revolution sind – und das dürfte unstrittig sein – die globale Vernetzung von intelligenten Produktionsmitteln und Produkten sowie der damit mögliche durchgängige Austausch von Informationen. Rohstoffe, Vorprodukte, Maschinen und Anlagen können so in einer Smart Factory miteinander kommunizieren und etwa die Fertigung meines neuen Vans autonom organisieren. Wenn der später über die verbauten Sensoren mitbekommt, dass es Zeit für neue Bremsscheiben wird, meldet sich der Van eigenständig und rechtzeitig beim Hersteller und schlägt mir als Fahrer den Besuch in der Werkstatt vor. Dort befindet sich dann zum vereinbarten Termin das benötigte Ersatzteil. Zentral ist außerdem, dass diese technologische und organisatorische Entwicklung stets als Paradigmenwechsel verstanden wird, der die Reihe der vorangegangenen industriellen Revolutionen eins bis drei – also Mechanisierung, Massenproduktion und Automatisierung – fortsetzt.

Woher stammt der Begriff?

Dieses Verständnis ist schon im Begriff selbst angelegt. Schließlich stellt die Versionsnummer „4.0“ nicht nur eine Parallele zum „Web 2.0“ und damit zu allen zugehörigen Assoziationen her. Sie ordnet die Entwicklung auch ganz direkt in die Revolutionstradition ein. Ausformuliert findet sich dieses Programm erstmals in einem Text, den Henning Kagermann (acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften), Wolf-Dieter Lukas (Bundesministerium für Bildung und Forschung) und Wolfgang Wahlster (Universität des Saarlandes) am 1. April zur Hannover Messe 2011 in den VDI-Nachrichten veröffentlichten. Darin skizzieren sie nicht nur das Konzept Industrie 4.0, sondern stellen auch dessen Potenzial für die Wirtschaft heraus und fordern eine führende Rolle Deutschlands. Ganz zum Schluss ihrer Ausführungen weisen die Autoren auch auf politischer Ebene hin: Schon im Januar 2011 hatte die Forschungsunion Wirtschaft – Wissenschaft der Bundesregierung das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 als Teil der Hightech-Strategie vorgeschlagen. Ziel des Projektes war, die deutsche Industrie fit für die Zukunft der Produktion zu machen.

Zwei Jahre später legten Forschungsunion und acatech zur Hannover Messe 2013 einen Abschlussbericht mit Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 vor. Im Kern wird darin eine duale Strategie angeregt: Die Industrie soll die neuen Technologien zum einen selbst nutzen, um effizienter zu produzieren. Zum anderen sollen neue Technologien entwickelt und dann verkauft werden. Identifiziert hatten die Autoren zudem acht Handlungsfelder. Dazu gehörten die Vereinbarung von Standards, die Anpassung der Arbeitsorganisation und -gestaltung und die Definition von rechtlichen Rahmenbedingungen. Industrie 4.0 ist also bei weitem nicht nur eine Aufgabe für die Unternehmen – das zeigte der Bericht deutlich –, sondern ebenso für die Politik und Verbände, für Forschungs- und Bildungseinrichtungen.

Was passiert in Wirklichkeit?

Spätestens seit der Abschlussbericht medienwirksam vorgestellt wurde, wird rege über Industrie 4.0 debattiert und zwar nicht nur von einer fachlichen Elite – wie momentan wieder gut zu beobachten ist. Auch Tageszeitungen und Magazine, Radio- und TV-Sendungen greifen das Thema auf und fragen vor allem nach der Bedeutung der vierten industriellen Revolution für jeden einzelnen. Häufig zitiert werden dabei die zahlreichen Studien, die mittlerweile zum Thema erschienen sind. Zum ersten Tag der Hannover Messe in diesem Jahr stellte BITKOM die Ergebnisse einer Umfrage vor. Demnach nutzen gut vier von zehn Unternehmen in den industriellen Kernbranchen Industrie-4.0-Anwendungen. Ein Viertel beschäftigt sich aber noch gar nicht mit dem Thema. Die Porsche-Tochter MHP – das Unternehmen unterstützen wir seit einigen Jahren bei der Kommunikation – legte Ende 2014 eine Studie vor, für die vor allem Führungskräfte aus der Automobil- und Fertigungsindustrie befragt wurden. 24 Prozent von ihnen kannten den Begriff Industrie 4.0 überhaupt nicht, nur knapp die Hälfte der Befragten gab an, dass sich ihr Unternehmen bereits mit dem Thema beschäftigt.

Und jetzt?

Vielleicht kann man es sich so vorstellen: Irgendwann 2010 fällt Mitgliedern der Forschungsunion auf, dass sich die Digitalisierung rasant ausweitet und immer mehr Lebens- und Wirtschaftsbereiche umfasst, dass deutsche Unternehmen dabei aber kaum eine Rolle spielen. Google, Facebook und Amazon sind dafür nur die bekanntesten Beispiele. Bislang ist das zwar kein großes Problem, schließlich gründet der Erfolg Deutschlands vor allem auf dem Maschinen- und Anlagenbau und der Automobilindustrie. Ungünstig wird es erst, wenn auch in dieser Branche Unternehmen aus anderen Ländern die Digitalisierung vorantreiben. Gut, eigentlich stecken wir schon mittendrin. Maschinen und Anlagen sind seit Jahren mit eingebetteten Systemen ausgestattet und mehr oder weniger eng an die IT-Infrastrukturen der Unternehmen angebunden. Also gilt es jetzt, den eingeschlagenen Weg gemeinsam weiterzuverfolgen. Der Leitstern heißt Vernetzung.

Vor einem solchen Hintergrund ist die Erfindung des Schlagworts Industrie 4.0 ein gelungener Agenda-Setting-Coup. Das Wort fasst ein komplexes Thema eingängig zusammen, lässt aber gleichzeitig Raum für eine eigene Deutung. In die Medien und in die Öffentlichkeit hat es die vierte industrielle Revolution so sehr gut geschafft, eine hohe Aufmerksamkeit ist aktuell vorhanden. Fraglich ist aber, ob sämtliche Akteure konsequent und systematisch an der Vision arbeiten. Wenn hier in absehbarer Zeit keine Fortschritte erkennbar werden, könnte aus einer vermeintlichen Success Story schnell eine Geschichte des Scheiterns werden.